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8. Ewigkeit

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Fast hatte ich unser Abteil wieder erreicht. Doch daraus würde erstmal nichts werden.

"Wenn Sie uns bitte begleiten würden, Herr Thal." Der Kampfschaffner war bestimmend in seinem Auftreten. Hinter mir näherten sich bereits zwei weitere Schaffner vom Speisewaggon. Ich spürte bereits ihre aufflackernden Seelenflammen auf meinem Rücken, als wollten sie mir eine Warnung geben.

"Natürlich."

Seine Uniform zeigte nicht eine falsche Falte. An seiner linken Brust prangte das Abzeichen Hardons in Gold. Durch das dunkle Gelb der Weste stach es dennoch hervor. Wie ich trug er eine Taschenuhr mit einer Kette, die zu zum mittleren Knopfloch seiner Weste führte. Nur waren an seiner Kette noch zwei kreisrunde goldene Plättchen befestigt. Sie wiesen ihn für das wissende Auge als Leutnant aus.

Die Kampfschaffner hinter mir würden mit Sicherheit nur ein solches Plättchen tragen. Damit wären sie im Rang eines Soldaten. Wozu sie auf seinen Befehl wohl zu in der Lage wären? Für einen Moment juckte es mir in den Fingern, es auf die Probe zu stellen.

Sie brachten mich in den Schaffnerwaggon. Im ersten Drittel standen mehrere Schreibtische, Sitzgelegenheiten und Schränke. Das zweite Drittel bestand aus einem Abteil, dem Büro des Oberschaffners. Im letzten Drittel folgten schließlich die Schlafkojen. Die Tür zum Frachtbereich schien auf den ersten Blick unscheinbar. Jedoch war das Schließsystem eines der aufwendigsten Designs im ganzen Zug. Nur die Lokomotive selbst war besser geschützt. Die Blaupausen huschten mir über das innere Auge.

Die neugierigen Blicke fünf weiterer Kampfschaffner ruhten mehr oder weniger auffällig auf mir. Wen sie es nicht selbst mitbekommen hatten, dürfte mindestens der Befehl ihres Oberschaffners, mich herzubringen, für Interesse an mir gesorgt haben. Der Leutnant klopfte am Büro und deute mir einzutreten. Kaum hatte ich das Büro betreten, schnellte die Tür hinter mir zu. Unerwartet sanft klickte sie ins Schloss.

Das Büro war geräumig eingerichtet. Links von mir an der Wand stand ein Schreibtisch. Listen und Akten waren darauf verteilt. Beschwert durch mehrere Briefbeschwerer in Form von Seelenbiestern, alle heimisch in Hardon. Ein Blizzardleoppard, eine gemeine Bergziege und ein Weißschwanz.

Die Akten waren in unterschiedlichen Goldtönen gehalten. Eine war beinah Schwarz, das Kennzeichnen für die höchste Geheimhaltungsstufe in Hardon. Ich versuchte meinen Blick nicht zu lange auf der Akte verharren zu lassen.

Vor dem Schreibtisch rechts zwischen zwei Panoramascheiben ruhte auf einem schlichten Podest der Kommunikationskristall. Er schimmerte blau und wirkte wie grob aus dem Fels gebrochen, größer als mein Kopf. Er musste von hoher Reinheit sein. Dem Kristall gegenüber und damit direkt links neben mir an der Wand war eine Holzplatte. Diese ließ sich für eine Lagebesprechung in den Raum ausklappen, vermutete ich.

"Herr Thal." Die rauchige Stimme war begleitet von einem weißen Wölkchen. "Gern hätte ich Sie unter anderen Vorzeichen einmal wieder gesehen."

"Die Ehre wäre ganz meinerseits gewesen." Ich verschränkte meinen rechten Arm hinter meinem Rücken und legte meine linke Hand auf meine Brust direkt über meinem Flammenorgan. Dabei beugte ich mich nach vorn. Mit dem Blick zu seinen Füßen gerichtet, sagte ich. "Bitte erlauben Sie, mich zu erklären."

"Uhaha, noch ganz der Diplomat", amüsierte sich Oberschaffner Michael Rond. Er saß auf einer Couch. Sie war Teil eines Arrangements mit einem Tisch und zwei Sesseln. Couch und Sessel waren in einem bräunlichen Goldton gepolstert. Mit der Pfeife deutete er auf eine ihm gegenüber sitzende Dame. Wie er hatte sie fünf Plättchen an der Uhrkette. Zwei Generäle in einem Zug? Ist nicht normalerweise ein Hauptmann der höchste Rang eines Oberschaffners?

Auch wenn der Rang nicht notwendigerweise etwas über die Kampffertigkeiten aussagte, dürften sie es einzeln mit den Seelenjägern an Bord aufnehmen können.

"Katharina Salberg, ich darf Ihnen vorstellen: Richard Thal, Korrektor, Diplomat und Teufel von Sarkorska."

Sie erhob sich von ihrem Sessel. Noch bevor ich zu einer weiteren Verbeugung ansetzen konnte, streckte sie mir die Hand aus. Ich schätzte sie auf Ende dreißig. Ihr Gesicht war straff und doch mit Grübchen gesegnet. Einige ihrer schwarzen schulterlangen Haare waren geflochten. Sie hingen hinter ihren Ohren herab. Am Ende der geflochtenen Haare waren goldene Zylinder, die die Haare zusammenhielten. Die Zylinder waren mit Runen verziert, wie ich sie aus den Geschichtsbüchern Hardons kannte. Ihre waldgrünen Augen musterten mich.

"Frau Oberschaffnerin Salberg, es freut mich Ihre Bekanntschaft zu machen." Wir grüßten uns mit einem gesunden Händedruck.

"Lassen Sie sich von diesem alten Hund nicht an der Nase herumführen." meinte sie und setzte sich wieder. Rechts neben ihrem Sessel lehnte ein Rapier. Eine filigrane Waffe für den üblicherweise eher wuchtigen Kampfstil, den Seelenflammen mit sich bringen. Der Griff sowie die Scheide des Rapiers zierten ebenfalls hardonische Runen. Eine Rune fiel mir besonders auf. Wenn ich sie recht übersetzte, stand sie für das Wort Ewigkeit.

"Huh, wer ist hier alt?" Oberschaffner Rond fuhr sich durch seinen rostbraunen Vollbart. Es war keine Spur eines grauen Haars zu sehen. Dabei dürfte er auf die sechzig zugehen. Auch seine Kurzhaarfrisur zeigte keinen Deut der Schwäche. Wahrlich gesegnet.

"Dann bin ich so frei.", entgegnete ich und setzte mich ebenfalls. Die Sessel waren noch einmal bequemer als in unserem Abteil. Als würde ich auf Wolken sitzen. "Frau Salberg, erlauben Sie mir eine Frage?"

"Bitte."

"Gehe ich richtig in der Annahme, dass sie Beherrscherin grüner Seelenflammen sind?"

"Er hat wirklich ein gutes Auge", kommentierte sie in Richtung von Michael Rond. "In der Tat beherrsche ich grüne Seelenflammen. Wie kommen Sie darauf, Herr Thal?"

"Nun", ich räusperte mich. "Ihr Rapier, er trägt unter anderem die Rune für Ewigkeit. Diese wird in Hardon auch von der Hohen Schule der Flammenheilung geehrt und gewürdigt. Des Weiteren ist sie denjenigen vorbehalten, die grüne Seelenflammen nicht nur anwenden, sondern auch selbst erzeugen können. Den Beherrschern von Seelenflammen, in dem Fall den wohl herausragendsten Heilern unseres Kontinents Perustas."

"Sie sind gut informiert, wie mir scheint." Sie überschlug ihre Beine. Ein neugierig, bohrender Blick lag auf mir. "Dann erlauben Sie mir doch sicher auch eine Gegenfrage?"

Ich nickte.

"Was glauben Sie, wie kämpfe ich mit grünen Seelenflammen?"

"Auf den ersten Blick mag man meinen, dass Sie das nicht wirklich könnten." Ich schmunzelte leicht. "Schließlich würde man erwarten, dass Sie Ihre Feinde heilen, statt sie zu töten oder außer Gefecht zu setzen. Ich nehme an, dass nicht ohne Grund keine konkreten Gerüchte zu Ihrer Kampfweise im Umlauf sind."

Sie nickte anerkennend.

Ich spielte darauf an, dass Frau Salberg innerhalb kürzester Zeit von ihrer Funktion als Heilerin bzw. Sanitäterin in militärischer Funktion zur Generalin aufgestiegen ist. Selbst mit ausgezeichneten Beziehungen, welche ihre Familie haben dürfte, muss sie ihre Fähigkeiten im Kampf bewiesen haben. Mir fielen nur zwei Wege ein, die diesen Aufstieg rechtfertigen würden. Beide waren wissenschaftlich bislang nicht belegt worden.

"Um diesen Zustand zu waren."

Sie verstand umgehend und lehnte sich mit dem Ohr zu mir.

"...", ich flüsterte ihr meine Antwort ins Ohr. Für einen Moment flackerten ihre Seelenflammen auf, als ich genau ins Schwarze traf. Der Verlust ihrer Fassung war nur von kurzer Dauer.

Ich setzte mich zurück in meinen Sessel. "Wenn notwendig, werde ich dieses Wissen mit in mein Grab nehmen", versicherte ich ihr.

"Daran habe ich keine Zweifel."

"Nun denn. Nun denn", räusperte sich Michael Rond. "Wie mir scheint, machst du auch weiterhin von dir reden, Richard", bemerkte Michael und zog an seiner Pfeife. Sie war aus einfachem Holz geschnitzt, ohne aufwendige Verzierungen. Ein Erbstück.

"Würdest du mir glauben, dass ich da unfreiwillig hineingerate?"

"Sicher. Sicher. Das kannst du behaupten, wenn du wegläufst. Aber einem guten Arbeiter fallen erst recht schwere Aufgaben in den Schoss."

"Wie kommt es eigentlich, dass ihr euch so gut kennt?", schob Katharina Salberg ein.

Ihre Uniform unterschied sich nicht sonderlich von der, der Männer. Doch betonte der Schnitt der Weste ihren eleganten Körperbau.

"Er war Wachmann eines sarkosischen Diplomaten."

"Korrektor in Ausbildung."

"Und wer hat wen unter den Tisch getrunken?", fragte Katharina mit einem Schmunzeln.

"Ha, das war beim Sonnenaufgang noch nicht entschieden", prustete Michael.

"Sagen wir unentschieden", schlug ich vor. Ohne meine blauen Seelenflammen hätte ich damals das Bewusstsein verloren, vielleicht auch mein Leben an einer Alkoholvergiftung. Wie Michael mitgehalten hatte, ist mir bis heute ein Rätsel.

"Ach, Sie waren das. Das wird ja immer interessanter."

"Es hat sich wohl herumgesprochen."

"Keine falsche Scheu, Richard", kommentierte Michael Rond.

"Sie wussten doch von der diplomatischen Funktion von Michael, oder?", erkundigte sich Katharina.

"He, öhm ..." Ich kratzte mich am Kinn. "Da wurde ich ins kalte Wasser geworfen."

Diplomaten von Hardon waren stets von Wachpersonal begleitet. Von diesen Wachmännern hatte eine Person ebenfalls die Funktion eines Diplomaten. Falls der erste Diplomat ausfiel, könnte dieser einspringen. Aber viel mehr ging es darum, ohne formelles Geplänkel die Position des Gegenübers zu bewerten. Betrunkene haben da eher die lockeren Zungen. Dieser Strategie hing Michael Rond besonders an.

"Nun, Richard." Michael atmete den Rauch aus und schlug die Asche aus seiner Pfeife auf ein Tablett. "Warum bist du hier?"

"Kurz gesagt." Ich lehnte mich nach vorn. Stützte meine Arme auf meinen Beinen ab. "Ich eskortiere einen wichtigen Wissenschaftler. Wahrscheinlich ist uns Raktaran auf den Fersen."

"Haben wir deswegen die Ehre zweier Jäger an Bord?", fragte Katharina unvermittelt. Beide machten einen ernsteren Eindruck auf mich.

"Davon war ich ausgegangen. Deswegen habe ich sie in ihre Schranken gewiesen."

"War?" Michael hielt beim Stopfen seiner Pfeife inne.

"Ja, war." Mein Blick wanderte nach links durch den Raum und hing für einen Moment am blau schimmernden Kristall. "Ich war davon ausgegangen, dass ihr Auftrag meiner Schutzperson gewidmet ist. Aber sie wussten nichts. Sie hatten keine Ahnung, dass ich hier sein würde. Sie sagten, ihr Missionsziel wäre ihnen vorenthalten worden."

Michael und ich schauten uns einander an.

"Hmm ..." Er zündete sich die frisch gestopfte Pfeife an und zog daran.

"Wenn ich mutmaßen müsste, hat man sie ins offene Messer laufen lassen", bezog ich Position.

"Die Jäger sind doch die Eliteeinheit." Katharinas Stirn lag in Falten.

"Aber auf dem absteigenden Ast", stellte Michael korrekt fest. "Die Garde des Imperators versucht die Seelenwächter und ihre Eliteeinheit, die Seelenjäger, abzuschneiden."

"Ich vermute, dass ihnen deswegen Informationen vorenthalten wurden", begründete ich meine Position.

"Haben Sie deine Warnung verstanden?" Kleine Wölkchen stiegen von seiner Pfeife auf.

"Unmissverständlich, ja. Ich hätte euch gern vorher ..."

Er winkte mit qualmender Pfeife ab. "Wir stehen auf einer Seite. Ziehen an einem Strang."

"Feinde auf ganzer Breite. Im Zweifel bis zum Untergang", vervollständigte ich die Formel. Von einem Moment zum nächsten saß ich senkrecht im Sessel. Ich war wie angespitzt. "Womit kann das Korrektorat Ihnen dienen?"

Sie wiesen mich in den Inhalt der geheimen Akte vom Schreibtisch ein. Einem Agenten der Nation Hardon war ein archäologischer Fund in die Hände gefallen. Ein Fund, der versprach von außerordentlicher Bedeutung für Hardon zu werden. In den Gebirgen im Süden von Hardon gab es eine Höhle, die bis heute nicht geöffnet werden konnte. Es wird vermutet, dass sie auf irgendeine Art und Weise versiegelt ist. Dieser archäologische Fund ist womöglich der Schlüssel, so die Annahme. Neben Reichtümern setzte Hardon vor allem auf die Existenz eines weiteren Seelendämons. Zwar war Hardon bereits im Besitz eines solchen Dämons, aber ein weiterer würde einen immensen Vorteil gegenüber Raktaran bedeuten. Unabhängig ob am Verhandlungstisch oder auf dem Schlachtfeld. Zwei von sieben Generälen zu entsenden, wirkte so auf einmal fast verhältnismäßig.

"Waren die Seelenjäger vielleicht deswegen auf den Zug angesetzt?", fragte ich.

"Möglich." Die Pfeifenwölkchen zogen gen Decke und wurde von einem Lüftungsschlitz fort gesaugt, sobald sie oben ankamen. "Wie dem auch sei, sollte mit deinem Eingreifen, alles erledigt sein."

Katharina streckte sich. "Wir sollten wachsam bleiben. Ich für meinen Teil drehe eine Runde."

"Ich werde ebenfalls zu meinem Abteil zurückkehren. Meine Begleiter dürften so langsam unruhig werden."

"Dann auf ein hoffentlich baldiges Wiedersehen, unter anderen Vorzeichen."

"Sehr gern." Ich erhob mich zuerst und trat zur Tür. "Dann wünsche ich euch noch eine gute Nacht."

"Ebenso." Michael sank augenscheinlich etwas tiefer ins Sofa.

"Danke, dir ebenfalls eine gute Nacht, Richard." Ihr Blick tastete mich ein letztes Mal ab, als ob sie sich jedes Details einprägen wollte.

Ich deute eine kleine Verbeugung an und zog mich zurück.

< ... >
< ... >
< ... >
< Fragen der Innenrevision >

Innenrevision: "Katharina Salberg, jüngste Tochter des Anführers der Familie Salberg. Abschluss an der Hohen Schule der Flammenheilung mit Auszeichnung bereits im Alter von fünfundzwanzig Jahren."

Richard Thal: "Und frühestens in den letzten zwei Jahren im militärischen Dienst über den Rank einer Hauptfrau aufgestiegen."

Innenrevision: "Könnten Ihre Quellen damals nicht ungenau gewesen sein."

Richard Thal: "Dann hätte mich Michael Rond angelogen, was ich doch nicht hoffe."

Innenrevision: "Wie kämpft Frau Salberg?"

Richard Thal: "..."

Innenrevision: "Herr Thal ... Dieser Bericht unterliegt bereits der Geheimhaltungsstufe Geheim. Selbiges gilt auch für die Akten über Generäle von Hardon."

Richard Thal: "Ich stehe bei meinem Wort, aber lassen Sie es mich so formulieren, dass jeder Kämpfer es versteht. Wenn sie tatsächlich so kämpfen kann, wie ich es erraten habe, dann dürfen ihre Seelenflammen in einem Kampf niemals in den Körper ihrer Kontrahenten eindringen."

Innenrevision: "Bitte spezifizieren Sie das."

Richard Thal: "... kleinste Verletzungen könnten tödlich sein."

Innenrevision: "Ich muss Sie darauf hinweisen, dass das Korrektiv in dieser Sache gegebenenfalls Zwangsmaßnahmen gegen Sie ergreifen wird."

Richard Thal: "Zur Kenntnis genommen. Gibt es bereits einen Operationsnamen für den Auftrag der Nation Hardon?"

Innenrevision: "Operation Palingenese. Ihre Einschätzungen zu den Angaben der Generäle von Hardon werden in der dortigen Akte verzeichnet. Also lassen Sie uns bitte fortfahren."

F├╝r daran anschlie├čende Operation Palingenese siehe: https://www.worldanvil.com/community/manuscripts/read/9170138990-midnightplay-operation-palingenese
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